Deutschland hat kein Kapazitätsproblem

In den Medien beginnt die Debatte über Engpässe in der Energieversorgung. Die Realitäten sehen anders aus: Überkapazitäten prägen den Markt.

 

Das Heizkraftwerk Mitte ist eine der weltweit modernsten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen

Durch den erheblichen Zubau an erneuerbaren Energien in den letzten Jahren und die zunehmende Kopplung der Märkte im europäischen Strombinnenmarkt sinkt die Auslastung konventioneller Kraftwerke – auch der hocheffizienten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen in Berlin. Zudem verdrängen Erneuerbare die konventionellen Kraftwerke aus der Einsatzreihenfolge („Merit-Order“). Das hat Folgen: Die Großhandelspreise sanken in den letzten Jahren von rund 50 Euro auf weniger als 35 Euro pro Megawattstunde und mit ihnen die Erlöse der Kraftwerke. Obwohl dadurch einige Kraftwerke unrentabel geworden sind oder drohen, es zu werden, besteht in Deutschland bis mindestens 2020 aufgrund vorhandener Überkapazitäten kein Kapazitätsmangel. Wie kann eine Lösung gefunden werden?

Neujustierung des Strommarktes

Ein sich selbst organisierender Strommarkt ist das beste Instrument, die Versorgungssicherheit kosteneffizient zu gewährleisten. Durch den starken Zubau der Erneuerbaren in den vergangenen Jahren muss das Miteinander von Windkraft, Photovoltaik und konventionellen Kapazitäten neu geregelt werden.

Selbstreinigung des Strommarktes


Die angespannte Situation im fossilen Kraftwerksbereich sollte zunächst durch die Kräfte des Marktes bereinigt werden. Der Abbau vorhandener Überkapazitäten wird sich preisstabilisierend auf die anderen Kraftwerke auswirken. Flächendeckende und meist irreversible, zentral gesteuerte Kapazitätsmechanismen werden nicht zum Ziel führen, da solche Systeme komplex und fehleranfällig sind und zu Dauersubventionen führen. Angesichts der Diskussion um die preistreibende Wirkung des EEG ist es fraglich, ob eine weitere politisch induzierte Kapazitätsumlage durchsetzbar ist. Sollte trotz alledem ein Kapazitätsmechanismus unumgänglich sein, sollte die Ausgestaltung nebenstehender Kriterien berücksichtigt werden, um die zusätzlichen Kosten für die Endverbraucher so gering wie möglich zu halten.

Grundanforderungen an einen Kapazitätsmarkt nach 2020


1. Der nationale Kapazitätsmechanismus muss EU-kompatibel sein, sodass sowohl ausländische Anbieter an deutschen als auch inländische Anbieter an ausländischen Mechanismen teilnehmen können.

2. Der Kapazitätsmechanismus darf allein auf die Sicherung notwendiger Kapazitäten ausgerichtet sein.

3. Der Mechanismus muss diskriminierungsfrei allen Technologien und Anbietern offenstehen.

4. Die Auswahl der Kapazitätsanbieter muss wettbewerblich durch Auktionen oder Leistungs-Zertifikatsmodelle erfolgen.

5. Ausgeschriebene Kapazitäten müssen technologieunabhängig dieselben Vergütungen erhalten, ohne zwischen Bestands- und Neuanlagen zu unterscheiden.

6. Höhere Marktpreise in Knappheitszeiten und damit Investitionsanreize für ergänzende Spitzenlastkapazitäten können nur dann erzielt werden, wenn die vorhandenen Überkapazitäten abgebaut werden. Deshalb dürfen überschüssige Kraftwerke nicht künstlich mit Kapazitätszahlungen im Strommarkt gehalten werden.

7. Ein Kapazitätsmechanismus muss auch einfach abgeschafft werden können, wenn keine Kapazitätsknappheiten mehr absehbar sind.

8. Der Kapazitätsmechanismus muss einfach und regulatorisch robust sein.

9. Der Kapazitätsmechanismus darf keine innovativen Technologien und nachfrageseitigen Maßnahmen sowie Stromspeicher behindern.

10. Eine zentrale regulatorische Festlegung des deutschen Kapazitätsbedarfs ist zu vermeiden, da sie regelmäßig zu Überkapazitäten anreizt und damit zu nicht nachhaltigen Strompreisen und schließlich wiederum zu höheren Kapazitätszahlungen führt.