Fünf Fragen – Fünf Antworten

Interview mit Alexander Jung, Generalbevollmächtigter Berlin der Vattenfall GmbH

 

 

1) Das politische Berlin geht in die Sommerpause. Was muss danach energiepolitisch passieren?

Der Umstieg von Kohle auf Gas und Erneuerbare funktioniert nur, wenn KWK-Anlagen wirtschaftlich bleiben und der Ausbauhorizont für Erneuerbare geklärt wird. Die Politik kann dafür die Weichen in der 2. Jahreshälfte stellen. Außerdem sollten wir mehr über Innovations-Projekte reden. Wir brauchen mehr Experimentier-Räume für Flexibilität und Sektorenkopplung ohne regulatorischen Ballast, um die Lösungen für die Zeit nach dem Kernkraft- und Kohleausstieg zu entwickeln.

2) Die Strukturwandel-Kommission nimmt ihre Arbeit auf. Welche Erwartungen haben Sie?

Der Kohleausstieg ist von der Schaffung sozialverträglicher Lösungen für die betroffenen Regionen abhängig. Je schneller das gelingt, desto ambitionierter kann der Ausstiegspfad ausfallen. Wir halten eine Reduzierung von Braunkohle- und Steinkohleerzeugung um etwa 60 Prozent bis 2030 für versorgungssicher machbar und wirtschaftlich vertretbar. Damit wäre die Erreichung der Klimaziele 2030 sichergestellt.

3) Die Dekarbonisierung in Deutschland kommt nicht voran. Haben Sie einen Vorschlag?

Auch wenn ein neues sektorübergreifendes CO2-Preis-System viele Probleme lösen würde. Im Moment sieht es nicht so aus, dass Politik und Wirtschaft die Kraft für so ein Großprojekt aufbringen. Es wäre einfacher, etwas kleiner anzufangen. Zum Beispiel mit einer nationalen CO2-Steuer, um die Wärmewende voranzubringen. Da gibt es ein Einsparungspotenzial von 70 Millionen Tonnen CO2 bis 2030. Es macht wenig Sinn, dass Ölheizungen wirtschaftlicher sind als Wärmelösungen mit einem besseren CO2-Fußabdruck.

4) Energiepolitik und Digitalisierung. Welche Schwerpunkte sind da erforderlich?

Digitalisierung ist die Voraussetzung für die Dezentralisierung und Dekarbonisierung des Energiesystems. Die Integration von immer mehr Marktteilnehmern gelingt nur mit höherer Automatisierung und Flexibilisierung mittels digitaler Werkzeuge. Wenn wir nicht noch mehr Regulierung beim Daten-Management wollen, müssen Politik und Energieanbieter das Vertrauen der Kunden beim Umgang mit deren Daten stärken.

5) Energiewende in Europa. Wo steht die deutsche Energiewirtschaft? 

Wir stehen in den richtigen Startlöchern für die Zukunft. Wir reden aber noch zu viel über Herausforderungen und zu wenig über Chancen. Die Energiewende ist nicht nur ein CO2-Einsparungsprogramm. Sie ist mittlerweile ein Wertschöpfungsprogramm für die deutsche Wirtschaft. Wir brauchen mehr energiepolitische Klarheit, um dieses wirtschaftliche Potenzial zu heben. Es lohnt sich, diesbezüglich einmal über den Tellerrand nach Skandinavien und in die Niederlande zu schauen.